Autistische Menschen leiden besonders in der Corona-Krise

„Corona behindert alle“. So lautet eine aktuelle Botschaft des Bündnisses „Inklusives Göttingen“. Wie sehr die Maßgaben zum Infektionsschutz den Alltag autistischer Menschen verändert haben, die sowieso schon beeinträchtigt sind, berichten Mitarbeiter des Diakonischen Werkes Christophorus Göttingen.

GT-Artikel vom 17.07.2020 v U. Meinhard

Göttingen Die Frage, wen die Corona-Krise am härtesten trifft, macht wenig Sinn. Wer wollte für ein solches Ranking Punkte vergeben? Ist es die Wirtschaft? Sind es Familien? Veranstalter? Verwaltungen? Wer zu einer Interessensvertretung gehört, kann sich laut bemerkbar machen, kann Forderungen erheben. Wer keine Lobby hat, leidet still: Menschen mit Behinderungen zum Beispiel. Darauf macht Thomas Harms aufmerksam. Seit Januar leitet er das Diakonische Werk Christophorus Göttingen.

Auf einem öffentlich zugänglichen Gelände an der Robert-Koch-Straße leben 123 Menschen mit verschiedenen Behinderungen. Zu ihnen gehören Autisten. Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die sich auf die Verarbeitung von Wahrnehmungen auswirkt. Es gibt verschiedene Formen, wie etwa den frühkindlichen Autismus. Was diese Menschen dringend brauchen, sind klare Strukturen, sowohl in den eigenen vier Wänden als auch im Tagesablauf, weiß Harms.

 

Behinderten-Werkstätten eingeschränkt geöffnet

Diese Struktur freilich hatte sich mit Corona völlig verändert: Behinderten-Werkstätten waren über fast vier Monate geschlossen oder hatten nur eingeschränkt geöffnet, Wohnheime blieben aus Sorge vor einer Ansteckung mit Covid-19 wie abgeschottet nach außen, Tagesförderungen, wie Ergotherapie, Krankengymnastik, Ausflüge, Spaziergänge oder Beschäftigungsangebote in Tagesstätten fielen aus. Seit der vergangenen Woche ist mit allerlei Lockerungen beinahe wieder eine Normalität eingetreten.

 

Bennie (Name geändert) ist Anfang 30. Sprachlich äußern kann er sich nicht. Er hat keine Worte. Christine Hampe weiß dennoch, wo bei ihm in welcher Situation der Schuh drückt. Die Gruppenleiterin hat seine Art des sich Ausdrückens erlernt und kann mit Bennie kommunizieren. Den jungen Mann bedrückte in diesen Monaten vor allem, dass er seine Mutter nicht sehen konnte. „Er hat ständig nach Mama gefragt. Wir haben ihm immer das Gleiche gesagt, dass es eine schlimme Krankheit gibt und er die Mama nicht sehen kann“, berichtet Hampe. In der Vor-Corona-Zeit habe die Mutter sehr oft ihren Sohn besucht, während des Shutdowns schickte sie ihm einmal in der Woche ein Päckchen. „Das war für Bennie der Höhepunkt jeder Woche“, versichert die Betreuerin.

 

Knüddel-Lampe für Autisten eine Zumutung

Es sei für alle ein großes Problem gewesen, dass das Zwei-Milieu-Prinzip, also die Trennung der Bereiche Wohnen - Arbeit - Freizeit, aus Gründen des Infektionsschutzes nicht angewendet werden konnte. Der räumliche Wechsel fehlte den Bewohnern. „Aufgrund ihrer anderen Wahrnehmung sind sie schnell überfordert durch Reize“, erklärt Hampe. Allein schon die papierne Knüddel-Lampe im Büro von Harms sei für die meisten Autisten eine Zumutung, weil sie nicht glatt und ordentlich ist. „Die hohe Kunst ist es, ihre Empfindungen wahrzunehmen und zu reagieren“, gibt der Diakonie-Vorsteher einen Einblick in den Alltag der Betreuer.

Auch mit Aggressionen, mit herausforderndem Verhalten müssen die Mitarbeiter klar kommen. Um negative Gefühle zu dämpfen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen, genügen zuweilen einfache Dinge, wie etwa die bunten Windspiele, die im Garten an einem Baum hängen. Erzieher Jürgen Machel spricht von Verlässlichkeit, von Regelkreisläufen, die erforderlich seien und die eine intensive Abstimmung im Team voraussetzen würden. Sie aufrecht zu erhalten trotz der weggebrochenen Strukturen innerhalb des Hauses sei schwierig gewesen.

 

„Es sind halt besondere Menschen“

„Es sind halt besondere Menschen“, sagt Machel mit Blick auf die Zimmer der autistischen Bewohner, die reizarme Rückzugsorte sein müssten, kühl, fast leer, beinahe wie eine Gummizelle wirkend und doch alternativlos. „Für die meisten“, merkt Hampe an. Die einen sprechen nie, weil sie nicht wollen, andere können es tatsächlich nicht. Einige lautieren, um sich auszudrücken. Die Gruppenleiterin erwähnt auch eine betreute Frau, die einzig mit ihrer Schwester spricht.

Ist das nicht alles sehr anstrengend? Woher nehmen die Mitarbeiter ihre Motivation? Was stärkt sie? Die Gruppenleiterin hat auf diese Fragen zwei Worte parat: „Jedes Lächeln.“

„Gottes Schöpfung ist ein bunter Zoo“

Für Harms ist es wichtig hervorzuheben, dass Christophorus keine Anstalt, kein Krankenhaus, keine Psychiatrie, kein Heim ist. „Es ist eine besondere Wohnform. Unsere Bewohner sind hier nicht untergebracht, sie wohnen hier“, verdeutlicht der Pfarrer. Mit der Pandemie sieht er eine Ungleichbehandlung verbunden: „Behinderte Kinder durften nicht zur Schule, weil sie spucken könnten“, berichtet er von einer Maßgabe, die auch Kinder betraf, die von der Diakonie betreut werden. Der Firnis der Akzeptanz sei dünn. Gottes Schöpfung sei ein „bunter Zoo“, was letztlich alle eine, sei das Menschsein an sich, befindet Harms. Zudem habe sich Jesus von Nazareth nicht mit den Reichen und Schönen an einen Tisch gesetzt, sondern mit den Menschen vom Rande der Gesellschaft, den Armen, Ausgegrenzten, Kranken. Darauf weist der Pfarrer ausdrücklich hin.

 

Bei der erstbesten Krise fallen gelassen

Großen Respekt hat Harms vor der Arbeitsleistung der Mitarbeiter, sie würden ihre Aufgaben professionell meistern und zugleich liebevoll agieren. Sein Wunsch an die Gesellschaft: Menschen mit Behinderungen sollten nicht als volkswirtschaftlicher Ballast empfunden werden. Die Gefahr, die sich zeige, dass sie schon bei der erstbesten Krise einfach fallen gelasssen werden, bereite ihm Sorge.

Und wenn Christine Hampe einen Wunsch frei hätte, wie würde der lauten? „Mehr Akzeptanz“, sagt auch sie. Die würde den Christophorus-Gruppen übrigens eher in Restaurants begegnen, denn an Imbiss-Buden. „Die besten Erfahrungen haben wir bei Cron und Lanz gemacht“, lobt Jürgen Machel das Personal einer Göttinger Konditorei.


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