01.02.2021 | Sterbehilfe-Debatte: "Muss das in kirchlichen Einrichtungen geschehen?"

FAZ Interview vom 29.01.2021 von © Kim Björn Becker

Foto: © Daniel Pilar

 

Mehrere evangelische Theologen haben sich für die Sterbehilfe ausgesprochen. Der Göttinger Pfarrer Thomas Harms leitet eine Behinderteneinrichtung. Mit der Vorstellung, dort Sterbehelfer gewähren zu lassen, kommt er nicht zurecht.

Herr Harms, Sie sind evangelischer Pfarrer und leiten eine Diakonie-Einrichtung für Behinderte in Göttingen. Wie haben Sie reagiert, als einige evangelische Theologen kürzlich in der F.A.Z. gefordert haben, dass es in kirchlichen Einrichtungen eine begleitete Sterbehilfe geben soll?

Ich habe den Beitrag mehrfach gelesen und es ist mir dabei immer kälter den Rücken heruntergelaufen. Keine Frage, dass sich die Autoren redlich um das Thema bemühen. Aber aus dem Denken wurde kein echtes Nachdenken. Man hat die Konsequenzen nicht beachtet.

Was wären die Konsequenzen?

Als theologischer Vorstand eines diakonischen Werks, in dem gut 150 Menschen mit teils schwersten Behinderungen leben, frage ich mich, was das für die bedeutet. Die Autoren –unter ihnen ist ja auch Diakonie-Präsident Ulrich Lilie – sprechen sich für ein Team aus vermeintlichen Fachleuten aus, die vor Ort die Sterbebegleitung sicherstellen sollen. Wenn der gesetzliche Betreuer eines Behinderten sagt, sein Schützling wolle sterben, dann müsste ich dieses Team hier in meiner Einrichtung gewähren lassen. Und ich müsste einen eigenen Raum einrichten, in dem die Sterbebegleitung dann stattfinden kann. Wenn die Kirche eigens Seelsorger zur tödlichen Beratung zu uns schickt, dann wird es doch bizarr.

Mein Eindruck ist, dass die Autoren des Beitrags vor allem Schwerkranke und Hochbetagte im Blick haben.

Das stimmt. Aber wenn ich so etwas fordere, dann muss das für alle Menschen gelten. Man kann Behinderte nicht einfach ausnehmen. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenen Jahr braucht es eine neue gesetzliche Regelung. Die darf aber Behinderte nicht schlechter stellen als andere, auch Behinderte haben natürlich ein Recht auf Suizid. Aber muss das in kirchlichen Einrichtungen geschehen? Ich finde nicht. Wenn sich die Kirche ohne Not in eine aktive Rolle bei der Sterbehilfe bringt, dann muss sie das alles zu Ende denken. Warum sie nicht lieber Anwältin des Lebens sein will, verstehe ich nicht. Übrigens lautet der Auftrag der Diakonie, Mühselige und Beladene zu erquicken, der Satz steht im Matthäusevangelium. Das mache ich als Pfarrer durch Lebensrahmung, aber sicher nicht durch eine Exitstrategie.

Das Problem, das Sie benennen, betrifft nicht nur Einrichtungen für Behinderte. Auch bei Demenzkranken im Pflegeheim ist es schwer bis unmöglich, den mutmaßlichen Sterbewillen sicher zu erkennen und danach zu handeln.

Mit diesem Dilemma muss man überall leben. Aber man muss gerade in diesem Punkt besonders aufpassen. Ich werfe Herrn Lilie und den anderen Autoren nicht vor, historisch unsensibel zu sein. Aber wenn es um Sterbehilfe und Behinderung geht, schwebt immer eine düstere Firnis über uns, wir alle kennen die Verbrechen der Nationalsozialisten an Behinderten. Bei der Verbindung von Sterbehilfe und Behinderung frage ich mich, ob es nicht besser ist, eine gewisse Grauzone einfach auszuhalten.

Was meinen Sie damit?

Assistenz beim Suizid kann ja auch bedeuten, dass man mit seinem besten Freund spricht oder mit einem Geistlichen. Manche Menschen, die sterben wollen, hören einfach auf zu essen und zu trinken. Für das Sterbefasten braucht es keine gesetzliche Regelung.

Die Autoren des Beitrags begründen die Verantwortung der Kirche auch damit, dass diese sich über Jahrzehnte nicht gut genug um Betroffene gekümmert habe. Haben sie da einen Punkt?

Ich bin seit 30 Jahren Geistlicher und habe in dieser Zeit auch einige Selbstmörder beerdigt. Nie kam es meiner Erfahrung nach vor, dass jemand, der durch einen Suizid starb, nur an der Friedhofsmauer beerdigt wurde oder dass kein Vaterunser gesprochen wurde. Was die Theologen da betreiben, ist Geschichtsklitterung. Und aus dieser leiten sie ab, dass sie sich nun mit Verve für die Sterbehilfe einsetzen müssen. Es ist fast schon ein Fetisch. Völlig ohne Not haben sie so eine Kugel aus dem Lauf geschossen. Es ist ja nicht so, dass Menschen unbegleitet sterben müssen. Es gibt Hospize und die Palliativmedizin. Das funktioniert gut, ich habe in meiner Zeit als Pfarrer selbst viele Sterbende begleitet.

Quelle: FAZ.NET


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